Hier kommt mein Herrchen Werner zu Wort:

Diese Seite ist Dunja u.Shaila gewidmet, unseren geliebten und unvergessenen Chow Chows,
deren Platz nun Luna eingenommen hat...

              


          

 links Dunja (offiziell Antje vom Extertal), 1988-2003      rechts Shaila (offiziell Gerda vom Extertal), 1985-2000

 

Home

Vom Chow Chow zum Eurasier – über mein Leben mit den Hunden.

1988 hatte ich die erste Begegnung mit einem Chow Chow.

Inge und ich hatten damals gerade unsere erste eigene Senioren-Residenz übernommen. Eine Seniorin zog in ihr Appartement ein und brachte ihre  2-jährige Chow-Hündin Shaila mit. Bei uns dürfen die Senioren selbstverständlich ihre Tiere mitbringen. Ich als Hundenarr machte meine ersten Annäherungsversuche bei Shaila. Vergebens. Meine Feststellung:  "So einen sturen Hund habe ich noch nie erlebt."

Als dann Frau Morgner -so hieß Shaila's  Frauchen – eines Tages ins Krankenhaus mußte, wurde Shaila mehr oder weniger gut von einer anderen Seniorin versorgt, die selbst mit ihrem Dackel Charly im Haus wohnte. Zwischen den beiden Hundebesitzerinnen  war das so abgesprochen - also mischte ich mich nicht ein. Irgendwann kam mir jedoch zu Ohren, dass Shaila ihr  Geschäft in die Wohnung gemacht hatte. Da läuteten bei mir sämtliche Alarmglocken. Welche Qualen muss so ein Hund wohl ausgestanden haben, bevor er in seine eigene Wohnung sch.....!

Also kümmerte ich mich fortan selbst um Shaila. Freudig ging sie sogar mit mir Gassi. Sobald  sie jedoch ihre Geschäfte gemacht hatte, rannte sie schnurstracks zurück zur Senioren-Residenz. Hinein durch die Automatiktür, und wenn ich dann dort ankam, lag sie schon vor der Wohnungstür ihres Appartements 104 in der ersten Etage.

Frau Morgners Krankenhausaufenthalt erstreckte sich damals über 6 Wochen. Eines Abends während dieser Zeit nahm ich Shaila zum ersten Mal mit nach Hause. Von da ab sprang sie immer freudig in mein Auto und blieb sogar tagsüber bei mir im Büro. Selbst bei offener Tür lief sie nicht mehr zu ihrer eigenen Wohnungstür. Wie stolz ich war! Ich schien die Zuneigung dieses „sturen“ Hundes gewonnen zu haben – und nach meinem Empfinden war die sogar sehr groß.

 

Ein Hund war mein unerfüllter Kindheitstraum. Früher war es die Mutter, die mir keinen Hund gestattete, und dann habe ich ausgerechnet eine Frau geheiratet, die sich gegen einen Hund wehrte. Der Schmutz....die fehlende Zeit... die vielen Einschränkungen....

Nun also war Shaila bei uns, wenn auch nur vorübergehend. Eines Abends ertappte ich meine Inge, wie sie im Nachthemd auf dem Teppich im Wohnzimmer lag und mit Shaila schmuste. Sie sagte: "So einen Hund wie Shaila würde ich auch nehmen".  Diese  Worte blieben mir natürlich im Ohr...

 

Shaila folgte mir auf Schritt und Tritt, und ich bildete mir ein, sie habe mich als ihr neues Herrchen akzeptiert. Die anderen Bewohner der Senioren-Residenz waren schon gespannt, ob Shaila überhaupt wieder zu Frau Morgner zurück wolle nach deren Rückkehr aus dem Krankenhaus. Die wussten natürlich genauso wenig  über den Charakter  eines Chow's  wie ich. Allerdings hatte ich zwischenzeitlich einiges über die Eigenarten des Chow Chow gelesen. Auch, dass er seinem Herrn ein Leben lang treu bleibt. Deshalb erwartete ich  nicht, dass Shaila ihrem Frauchen untreu werden würde.

Shaila's Frauchen kam zurück aus dem Krankenhaus. Die Begrüßung war herzzerreißend. Sie war noch zu schwach, um selbst  mit Shaila Gassi zu gehen.  Deshalb suchte ich sie nach ein paar Stunden in ihrem Appartement auf, um Shaila abzuholen. Und was passierte? Shaila ignorierte mich vollkommen. Ich war regelrecht Luft für diesen Hund! Und Shaila war auch nicht mehr bereit, mit mir hinauszugehen. Klar, ich war enttäuscht. Hatte ich mir doch eingebildet, sie würde mich mögen...

Wir haben es dann so gelöst: Frau Morgner rief mich im Büro an, wenn Shaila unruhig wurde. Sie öffnete ihr dann einfach ihre Wohnungstür, ließ Shaila hinaus,  und ich nahm sie unten im Foyer in Empfang zum Gassigehen.

 

Während der Zeit mit Shaila bei uns zu Hause hatten wir ein befreundetes Ehepaar zu Besuch. Den beiden gefiel Shaila so gut, dass sie auch einen Chow Chow haben wollten. Sie baten mich, die Züchteradresse in Erfahrung zu bringen. Wurde gemacht.  Ein Anruf beim  Züchter: Er hatte gerade Welpen abzugeben.

Inge verbrachte gerade zusammen mit zwei Cousinen einen Kurzurlaub auf Sylt. Also war ich alleine und beschloss, das Ehepaar zur Abholung des Welpen zu begleiten. Wir mussten in die Nähe von Bielefeld, etwa 160 km. Sechs knuddelige Teddybärchen liefen da herum. Nein, da konnte man doch gar nicht widerstehen – oder doch? Das Ehepaar suchte sich einen kleinen Rüden aus. Und ich rang mit mir. Wie gern würde ich ein solches Bärchen mitnehmen! Was aber würde meine Inge sagen? „So einen Hund wie die Shaila würde ich auch nehmen“ – diese Worte hatte ich plötzlich wieder im Ohr. Warum also eigentlich nicht? Oder lieber doch erst mit ihr sprechen? Kurzum – je länger ich die Welpen sah, desto weniger Raum blieb für vernünftige Überlegungen. Ich öffnete meine Brieftasche, und ruck-zuck war ich Besitzer eines Chow Chow - Welpen. Das war Ende August 1988.

So ging also mein kleines Teddybärchen mit auf die Rückreise. „Dunja“  taufte ich das goldige Mädchen. Dunja stank fürchterlich. Der Züchter war wohl nicht der beste. Ein älterer Junggeselle. Die Welpen waren im Keller untergebracht, und das Fell war voller Sägespäne. Vielleicht hatte meine kleine Dunja  vorher noch nie Tageslicht gesehen und ihre Notdurft immer nur in diesem kleinen Kellerverschlag verrichten müssen?! Ob die Sägespäne jemals ausgetauscht worden waren?

Spät abends kamen meine kleine Dunja und ich zu Hause an. Der Züchter hatte uns noch etwas Futter mitgegeben.  Was sollte ich also nun mit diesem entsetzlich stinkenden Hundekind machen? Durfte man Welpen schon baden? Es war zu spät, um noch fachmännischen Rat einzuholen. Ich hatte keine Ahnung vom Umgang mit einem Hundewelpen. Natürlich wusste ich auch nicht, dass man einen Welpen in der ersten Nacht niemals alleine lassen darf. Bei diesem Gestank konnte ich das Tierchen aber doch nicht mitnehmen ins Schlafzimmer! Also mußte Dunja die erste Nacht im Keller verbringen. Wie hat sie geweint! Ich ließ die Tür zum  Keller natürlich offen und stellte nur ein hohes Brett davor, damit sie nicht die Treppe hochklettern  konnte. So blieben wir wenigstens in Hörkontakt, und ich redete ihr von oben immer wieder gut zu, wenn mich ihr Weinen aufweckte.

Nach dieser für uns beide recht aufregenden Nacht erkundigte ich mich dann am Morgen gleich bei einem Hundezüchter wegen des Badens, und dann ging es mit Dunja unter die Dusche. Nun stank sie nicht mehr! Ihre zweite Nacht durfte sie dann bei mir im Schlafzimmer neben meinem Bett verbringen. Das ist dann auch zeitlebens ihr  Schlafplatz geblieben. Ich habe übrigens noch heute ein äußerst schlechtes Gewissen, dass ich meine Dunja damals in der ersten Nacht alleine im Keller gelassen habe. Hätte ich soviel über Hunde gewusst wie heute, wäre das niemals passiert – ich hätte mich doch zu ihr in den Keller legen können!

Inge  kam von Sylt zurück und fand ein neues Familienmitglied vor. Sie war total entsetzt, hatte sie doch gerade auf Sylt mit ihren Cousinen vereinbart, dass wir in zwei Wochen alle zusammen nach Spanien fliegen. Aus der Traum vom Spanien-Urlaub - wir hatten jetzt einen Hund! In Urlaub geflogen sind wir übrigens seitdem nie mehr.

 

In unserer Seniorenresidenz lernte Dunja dann natürlich auch Shaila kennen, die inzwischen 3 Jahre alt war und immer mit ihrem Frauchen vorbeikam, wenn Dunja an der Rezeption lag. Dunja rannte jedesmal neben Shaila ihr her, zupfte an ihrem Fell. Aber damit  zog sich nur  Shaila’s Zorn zu. Shaila mochte das nämlich überhaupt nicht. Doch Dunja gab nicht auf. Immer wieder zupfte sie, immer wieder versuchte sie Shaila zum Spielen zu überreden. Doch Shaila lehnte es einfach ab, sich mit diesem Hundebaby abzugeben – es schien unter ihrer Würde zu sein! Als Dunja 6 Monate alt war und ihre erste Läufigkeit hinter sich hatte, passierte etwas Seltsames: Plötzlich vergaß Shaila ihren Stolz und tobte mit Dunja über den Rasen! Von nun an spielten sie immer wieder zusammen.

Frau Morgner (Shailas Frauchen) mußte im Früher 1989 erneut ins Krankenhaus. Shaila kam wieder zu uns. Es klappte wunderbar mit Dunja – die beiden waren Freundinnen geworden!  Dann der Anruf: Frau Morgner war im Krankenhaus verstorben. Ich legte den Telefonhörer auf, wandte mich meinen beiden Chow-Damen zu und sagte zu Shaila: "Ab jetzt gehörst Du zu uns". So war es dann. Ich hatte zwei Hunde!

Shaila war eine Seele von Hund. Sie konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Nie habe ich sie knurren gehört. Ob sie überhaupt knurren konnte ?  Sie ließ sich von 5 Kindern gleichzeitig begrapschen, an Fell und Ohren ziehen, ohne mit einer Wimper zu zucken. 

Es dauerte nicht lange, bis Dunja die Chefin des achtpfotigen Hunderudels  war. Sie bestimmte, wann Shaila fressen durfte. Ich musste die beiden Näpfe immer sehr weit auseinanderstellen, weil Dunja sonst beide bewachte und Shaila verhungert wäre.

Dunja und Shaila waren immer bei uns. Auch im Urlaub. Bei unseren Spaziergängen gab es natürlich viele Kontakte mit Menschen und Hunden. „Sind das zwei Hübsche!“ Oder „Ihr seid aber zwei Schöne!“ waren so die regelmäßigen Zurufe. Meine Antwort war meistens: „Wieso zwei Hübsche – wir sind doch zu Dritt“. Viele nette Kontakte haben sich durch die Hunde ergeben.

 

Im Alter von knapp 15 Jahren verstarb unsere gute Shaila im Mai 2000 . Ausgerechnet an jenem Abend waren wir nicht  zu Hause. Unser Sohn Norbert hatte das Hundesitting übernommen.  Er hörte plötzlich, dass Shaila draußen im Garten seltsame Töne von sich gab. Sie schien Schmerzen zu haben. Er sah und fühlte, dass Shaila einen aufgeblähten Bauch hatte und fuhr noch um 23.00 h abends  mit ihr zum Tierarzt. Diagnose: Wasser im Bauch eingelagert, schwere Herzinsuffizienz. Der Tierarzt hat sie gleich eingeschläfert. Wie schlimm für mich, dass ich in ihrer letzten Stunde nicht bei ihr sein konnte! Es war ein schwerer, trauriger Abschied von einer guten, treuen Freundin.

Nun hatten wir nur noch unsere Dunja. Auch sie war mit damals fast 12 Jahren nicht mehr die jüngste. Das Gehör ließ nach, und gegen ihre Arthroseschmerzen bekam sie regelmäßig Medikamente - Rimadyl oder Metacam.

Noch im November 2002 lobte unsere Tierärztin Dunja als den bravsten Hund der Welt. Das war, nachdem sie ihr den Zahnstein mit Ultraschall entfernt hatte. Ohne Narkose. Dunja hat nicht einmal gezuckt. Was für ein braver Hund!

Braver Hund? Oh ja!  Für ihre Angst konnte sie ja nichts. Und ihren außergewöhnlich guten Charakter hat sie mehrmals bewiesen:

Seit einem Schlüsselerlebnis als Welpe hatte sie nicht nur Angst vor jeder Form von Knallen, sondern auch vor Kindern. Um jedes Kind machte sie einen möglichst großen Bogen. 1993 waren wir mit den Hunden in unserer Senioren-Residenz in Marburg. Dunja sass im Clubraum vor einer Wand, und der Küchenchef war gerade mit seinem 3-oder 4jährigen Sohn Patrick da.

Das Kind löste sich plötzlich von der Hand des Vaters und lief mit ausgestrecktem Arm auf Dunja zu. Ich erstarrte und sah schon das Schlimmste kommen – ein Hund fühlt sich bedroht und ist ohne Fluchtmöglichkeit – jetzt wird Dunja zubeißen.... von wegen! Dunja nahm die ausgestreckte Hand des Kleinen in die Schnauze und hielt sie fest.  Damit schützte sie sich vor dieser Hand, von der ja eine vermeintliche Gefahr ausging. Kein Zubeißen, kein Blut – nur eine leichte Druckstelle vom Reißzahn. Was für ein Stein, der mir da vom Herzen fiel! Und was für ein Hund!

Von nun an wußte ich – es konnte kommen was wollte, Dunja würde nie einen Menschen beißen!

 

Ein ähnliches Erlebnis hatten wir mit einer alten Dame in unserer Senioren-Residenz in Schwalmstadt.  Frau Schmidt war 92 und fast taub. Dunja nahm gerade ihr Abendessen ein und beschäftigte sich an der Rezeption mit ihrem Freßnapf. Obwohl Dunja fraß, streichelte ihr Frau Schmidt über den Kopf. Dunja ließ es eine Weile zu, dann war sie es wohl leid und knurrte.

Frau Schmidt hörte das Knurren natürlich nicht und streichelte weiter. Bevor ich eingreifen konnte, hatte Dunja bereits die Hand von Frau Schmidt mit den Zähnen gefaßt und zur Seite geschoben – ganz vorsichtung und ohne jegliche Verletzung.

 

Im Dezember 2002 beschlich mich ein seltsames Gefühl. Wie lange würden wir Dunja noch haben? Dunja hatte sich verändert. Sie schlief fast nur noch. Nachts hatte sie immer im Schlafzimmer unter dem Fenster, also an der Außenwand, gelegen. Nun lag sie seltsamerweise immer neben meinem Bett, den Kopf unters Bett gesteckt.

Sie stand jetzt morgens nicht mehr mit mir auf, sondern schlief weiter. Wenn ich ihr dann ihr Frühstück mit den Medikamenten zubereitet hatte, musste  ich sie wecken. Dunja  war alt geworden.

Silvester sagte ich zu meiner Frau: „Ich glaube, das ist Dunjas letzter Silvester“. Meine Frau meinte, Dunja werde bestimmt 20 Jahre alt.  Was ist wenn......? Wahrscheinlich würde es nach ihr keinen Hund mehr geben. Oft haben wir darüber gesprochen. Wir haben doch in diesen fast 15 Jahren auf sehr vieles verzichtet und manche Sorge gehabt. Irgendwann hatte Inge bei der Diskussion um eine  Zukunft mit oder ohne Hund gemeint: "Na ja, ich weiß nicht -  e i n e n  Hund sollten wir schon haben, aber wenn, dann nur wieder einen Chow Chow."

Bei jeder Einladung im Sommer haben wir die Zusage mit der Einschränkung geben müssen: "Falls kein Gewitter kommt". Dunja hatte eine unbeschreibliche Angst vor Gewittern und vor jeglicher Form von Knallen.

Also habe ich nicht nur viele Gewitterstunden, sondern auch 14 Silvester mit meinem zitternden Hund im Arm verbracht. Wir haben ein 4000 qm großes eingezäuntes Grundstück. An einem 29. Dezember, unserem Hochzeitstag, gingen wir abends zum Essen aus. Als wir zurückkamen, war nur noch Shaila da. Dunja hatte sich ein Loch in den Maschendrahtzaun gebissen und war weggelaufen. Wie wir dann erfuhren, hatten Jugendliche in der Nähe vorzeitig Silvesterfeuerwerk gezündet. Dunja war also weg... Welch eine schreckliche Nacht! Alle 10 Minuten zur Haustür. Nichts. Die Nacht wurde zur Ewigkeit. Am nächsten Morgen war sie immer noch nicht da. Ich lief und fuhr mit dem Auto die Umgebung ab. Im Geist sah ich sie in einer Fuchsfalle. Was ich mir alles ausmalte! Während ich sie überall suchte, telefonierte meine Frau mit allen wichtigen Stellen. Abends gab ich dann per Fax Vermisstenanzeigen in  allen Zeitungen der Umgebung auf. Dann der zweite Morgen ohne Dunja. Silvester stand vor der Tür. Wenn Sie wirklich noch lebte und  irgendwo alleine unterwegs war – wie würde sie erst an dem Silvesterabend leiden! Vielleicht irgendwo ganz alleine im Wald.  Die Angst und Sorge wurde unterträglich. Und die Silvesterknallerei kam immer näher....

Es waren schreckliche Stunden. Und dann plötzlich gegen Mittag lag sie wie ein Häufchen Elend vor der Tür.  Es war Silvester....Nass und das Fell voller Tannen-Nadeln und kleinen Zweigen. Hungrig und durstig. Niemand weiß, wo sie war und wie viele Kilometer sie in ihrer Panik herumgeirrt ist...

 

Dunja zitterte immer, wenn es knallte.  Ob jemand Holz hackte,  hämmerte, ob es ballspielende Kinder waren, das Prasseln eines Feuers – besonders schlimm waren natürlich Gewitter und Feuerwerkskörper.

Andere Hunde verkriechen sich, wenn sie Angst haben. Dunja brauchte jedoch immer menschliche  Nähe und kratzte permanent mit ihrer Vorderpfote an meinem Bein. Oder an irgendeinem Bein, das gerade für sie erreichbar war. Wenn sie kein Bein zum Kratzen hatte und keine Menschenhand, die sie kraulte, ergriff sie die Flucht. Was sie an der Flucht hinderte, wurde zerbissen, egal ob Balkontür, Auto-Innenverkleidung oder Zaun. So waren wir z.B. bei Bekannten zu Besuch, die selbst eine Hündin haben. Wir wollten keinen Konflikt zwischen den beiden Hündinnen riskieren und ließen Dunja deshalb im Auto. Im Auto fühlte sie sich auch normalerweise „pudelwohl“.  Oft mochte sie gar nicht aussteigen, wenn sich die Autotür öffnete. Auch nicht, wenn sie 4-5 Stunden im Auto gelegen hatte (natürlich immer im Kombi und mit einer Wasserschüssel).  Wir waren also bei unseren Freunden im Haus und hatten das ferne Donnergrollen nicht vernommen, das an Dunja’s Ohren gedrungen war. In ihrer Angst hat sie die Innenverkleidung des Pkw zerbissen, weil sie sich damit den Weg nach draußen in die Freiheit bahnen wollte. Selbstverständlich habe ich nicht mit ihr geschimpft – was kann ein Hund schließlich dafür, dass er Angst hat? 2.500,00 Mark war übrigens der Schaden im Auto...

 

Unsere Dunja ist hin und wieder bei heftigem Gewitter in ihrer Angst schon mal zu mir ins Bett gesprungen. Dann bin ich sofort aufgestanden und habe mich mit ihr irgendwo auf den Fußboden gelegt. Wenn wir zu Hause waren, ging ich mit ihr in die Kellerbar. Dort habe ich dann Musik eingeschaltet, und schon war sie beruhigt. In Italien mussten wir die heftigen Gewitter dagegen durchstehen bis zur bitteren Neige. Schrecklich!

Dann will ich unser schlimmstes Gewitter-Erlebnis auch noch erzählen:

Es war 1999 am Gardasee. Zusammen mit Thomas und Nicole, guten Bekannten aus unserem Heimatort, hatten wir für abends einen Tisch bestellt in der ca. 20 km entfernten Trattoria „Da Nanni“. Schwül war's. Gewitter im Anmarsch? Hunde mitnehmen ins Restaurant ist in Italien meist nicht erlaubt. Im Auto draußen vor dem Restaurant lassen? Es war doch so warm und so schwül! Also hatte ich eine bessere Idee: Mein Auto stand in der kühlen Garage. Ich schickte die Hunde ins Auto, ließ aber die Klappe hinten offen, damit sie nach Belieben ein- und aussteigen konnten.

Da ich paar Tage vorher schon mal das Autoradio angelassen hatte für meine Hunde, war die Autobatterie leer geworden. Deshalb kaufte ich noch schnell ein Kofferradio im Ort und schaltete Musik ein. Falls ein Gewitter kommen sollte, würden sie es ja wenigstens  nicht so laut hören (für Shaila wäre es ja kein Problem, aber bei Dunja!). Wir fuhren mit dem anderen Auto weg zum Essen.

Als wir gegen Mitternacht zurückkamen, sah man grelle Blitze, hörte lauten Donner, und heftiger Regen prasselte nieder.

Sofort lief ich in die Garage. Unfassbar - nur noch Shaila war da! Dann sah ich die Bescherung: Das Garagentor (Kipptor) war etwas geöffnet. Ich hatte es zwar geschlossen, aber vermutlich nicht fest einschnappen lassen, und Dunja muss extrem gearbeitet und sich mit ihrem Gewicht dagegengeworfen haben, um es zu öffnen. Sie war weg! Obwohl das Grundstück eingezäunt und das Einfahrt-Tor geschlossen war - sie war weg!

Ich suchte überall. Zu Fuß, mit dem Auto. Keine Dunja.

Als ich gegen 3.00 h nachts die Suche abbrechen wollte (es regnete und blitzte immer noch)  sah ich sie plötzlich im Garten auf dem Rasen liegen. Ich rief sie zu mir, aber sie blieb liegen. Dunja  konnte nicht mehr aufstehen.

Ich trug Dunja in die Wohnung. Ihre Zunge blutete, ein Reißzahn fehlte, und sie lief kein Schritt mehr. Arme Dunja! Am nächsten Tag zum italienischen Tierarzt. Vorher noch ein Telefonat mit unserer Haustierärztin in Deutschland. Der Tierarzt gab ihr jeden Tag eine Spritze. Ich lieh mir bei einem italienischen Freund eine Schubkarre aus und fuhr Dunja damit regelmäßig zu der Wiese, wo sie üblicherweise ihre Geschäfte erledigte. 3 x am Tag. Erfolglos!  Nach 3 Tagen immer noch nicht gepinkelt. Der Tierarzt dachte schon über Katheder nach. Abends waren wir in Verona bei guten italienischen Freunden eingeladen. Unser Freund Zeno ist Arzt. "Am wichtigsten ist, dass sie pinkelt", sagte er. „Dass sie humpelt, ist egal“. Und an diesem Abend pinkelte sie. In Verona auf einer Wiese mit dem Geruch vieler Hunde. Sie pinkelte einen riesigen See, und noch nie hat mir ein See so gut gefallen! 

Nach 3 Wochen (!) Schubkarre begann sie dann auch allmählich wieder zu laufen.

Die Verletzungen deuteten lt. Tierarzt darauf hin, dass sie von einer hohen Mauer heruntergesprungen war.

Seit diesem Erlebnis war klar, dass ich Dunja nie mehr bei einem Gewitter alleine lassen würde. Deshalb haben wir alle Einladungen dann nur noch mit der Einschränkung angenommen: "...falls kein Gewitter kommt". 

Das schlimme Trauma rührte bei Dunja daher, dass sie in ihrem ersten Lebensjahr ein nachhaltiges Erlebnis mit Knallen hatte: Ein Nachbarjunge hat ihr mit einer Knallpistole vor der Nase herumgeschossen, während sie in unserer Senioren-Residenz friedlich auf einem Balkon im Erdgeschoss lag. Seitdem hatte sie diese Angst vor Kindern und diese  panische Angst vor jeder Form von Knallen. Und sie blieb nie mehr alleine auf einem Balkon. Wir hatten uns  an diesen Zustand und an die ständige Unruhe und Sorge gewöhnt. Wenn ich jetzt zurückdenke, hat es fast 14 Jahre lang für mich keinen unbeschwerten und sorgenfreien Abend in Gesellschaft gegeben: Immer der Gedanke und das ständige Nachschauen,  ob Dunja noch da ist oder, wenn sie im Auto lag, ob sie noch ok ist und nicht zittert. 

 

Jedenfalls war es für mich bzw. für uns zur Selbstverständlichkeit geworden, dass wir auch im Urlaub immer in Unruhe waren. Beispiel: Wir waren unterwegs auf dem Gardasee mit unserem Boot. Wegen der Hitze blieben die Hunde natürlich zu Hause und konnten in die kühle Garage gehen (liegt etwas unter der Erde und hat nie mehr als 24 °, dazu einen gefliesten Boden). Plötzlich in weiter Ferne ein leichtes Donnergrollen. Es geht am Gardasee mitunter sehr schnell mit den Gewittern. Wir dann so schnell es ging an Land. Bis das Boot an der Boje liegt, geschlossen ist usw. vergeht etwas Zeit. Alle Handgriffe in totaler Nervosität - schnell nach Hause. Wenn wir Glück hatten, war Dunja "nur" zu unserer Nachbarin Luciana geflüchtet und sass dort in der Küche.

Oft habe ich in solchen Situationen der blanken Nerven gesagt: "Nie wieder bekommen wir einen Hund".

Es war für alle ein Segen, dass Dunja's Gehör nachließ und sie zum Schluss fast völlig taub war. Silvester 2002 war für uns erstmals streßfrei - wir hatten eine ruhige und schlafende Dunja im Wohnzimmer liegen, ein völlig neues Hundegefühl!

Am Abend des 22. Januar 2003 erbrach Dunja. Das war ungewöhnlich bei ihr.

Am nächsten Tag ging ich mit ihr zum Tierarzt. Es gab Paspertin-Tropfen und Gastrodog-Tabletten. Ich gab ihr die Medizin mit etwas Hähnchenbrust. Sie erbrach alles sofort wieder.

Am nächsten Morgen wieder erbrochene Flüssigkeit im Schlafzimmer. Sie nahm keine Nahrung und keine Medikamente mehr an. Im Garten stand sie plötzlich mit einem „Katzenbuckel“ und schien Schmerzen zu haben. Ich nahm sie in den Arm und merkte, dass sie sehr schwach war.

Sofort ins Auto. Zufällig hatte ich eine Woche vorher eine Tierarztpraxis in Lohmar kennengelernt – dort hatte Dunja eine Spritze ins Gelenk bekommen wegen ihrer Arthrose.

Ich kündigte meinen Besuch in dieser Tierarztpraxis an (dort sind 4 Tierärzte) und fuhr sofort los - nein, ich raste los.

Es kümmerte sich glich eine junge, freundliche Tierärztin um uns. „ Es nützt ja nichts, wenn ich jetzt eine Spritze gegen die Übelkeit gebe, ohne dass wir die Ursache kennen“, sagte sie. Also Blutentnahme. Nach 10 Minuten die Laborwerte: Eigentlich alles im Normalbereich – nur der der Blutwert  "alkalische Phosphortase"  ist erheblich erhöht, was auf einen Tumor schließen lässt. (Normalwert < 108, und bei Dunja lag er bei 1480!). Röntgenaufnahme des Magen-Darm-Bereichs. Nichts zu sehen.

Dann Ultraschalluntersuchung. Der untersuchende Tierarzt schaut mich nachdenklich an. „Ich habe keine schöne Nachricht für Sie“.

Ein Tumor im Bereich Leber/Milz. „Wenn es mein Hund wäre, würde ich ihn sofort erlösen“, sagte der Tierarzt. „Wenn Sie natürlich darauf bestehen, schneiden wir auf“.

Ich konnte kaum mehr sprechen. „Bitte tun Sie das, was Sie bei Ihrem eigenen Hund tun würden“, sage ich.

„Möchten Sie noch eine halbe Stunde mit Ihrem Hund alleine bleiben und Abschied nehmen?“

„Nein“, sage ich. „Bitte erlösen Sie Dunja so schnell wie möglich“. Dunja lag ruhig auf dem Untersuchungstisch und rührte sich nicht. Ihre Augen waren offen, und ihre treuen Augen waren auf mich gerichtet.  Der Blick drückte alles aus: Dankbarkeit, Treue, Vertrauen. Der freundliche Tierarzt reichte mir eine Rolle Küchenpapier - für die Tränen. Ich weinte wie ein Kind, während ich meiner Dunja sanft ein letztes Mal über ihren Kopf strich. Durch einen Schleier von Tränen sah ich die Kanüle in ihrer Vene und die Spritze in der Hand des Tierarztes. Ich stand wie versteinert, weinend und streichelnd. Ich konnte einfach nicht glauben, dass dies nun nach unseren fast 15 gemeinsamen Jahren der endgültige Abschied sein sollte. So schnell, so unvorbereitet!

Irgendwann, als der Tierarzt das Herz wieder abgehorcht hatte, hörte ich ihn sagen: „Es schlägt nicht mehr“.

Ich trug meine tote Dunja ins Auto, bezahlte am Empfang und hörte zum Abschied noch den Tierarzt sagen: „Passen Sie auf sich auf  und fahren Sie vorsichtig“.Am selben Nachmittag habe ich das Grab geschaufelt. An einer Stelle im Garten, die ich  vom Wintergarten aus immer im Blick haben würde.. Als ich nun dort  stand und meinen Tränen freien Lauf ließ, hätte ich ihr  Grab gern  gegen 1000 Gewitter eingetauscht. Ich weiß nicht, wie viele Tränen mit in dieses Grab geflossen sind.

Dann die schrecklichen Tage und Wochen der Trauer! Immer noch jeden Morgen vorsichtig die Beine aus dem Bett - der gewohnte Blick auf den Fussboden, ob sie dort neben dem Bett liegt. Nur nicht auf den Hund treten! Aber es war kein Hund mehr da....

Vom Wintergarten aus dann der Blick auf den frischen Erdhügel, und wieder Tränen in den Augen. Jeden Morgen das gleiche. Trauer. Das  Gefühl der Einsamkeit, jeden Morgen.

 

Unser Bürohaus  hatte ich hundegerecht planen lassen. Mein Büro ist im Erdgeschoss mit einer Terrasse, damit ich meine Hunde und sie mich mich immer im Blick hatten. Sie konnten immer wählen, ob sie  bei mir im Büro oder lieber davor auf der Terrasse liegen wollten.  Nun war ich plötzlich alleine im Büro. Und immer wieder ging in gewohnter Weise der Blick auf die Terrasse auf Dunjas Platz. Er war und blieb leer. Ich brauchte Ablenkung. Also fuhren wir am 31. Januar, 7 Tage nach Dunjas Tod, nach Tirol.

Und mir wurde von Tag zu Tag klarer: Es muss  wieder einen Hund her.

Ich suchte also im Internet nach einem Chow-Chow mit offenem Gesicht. Diesem Urtyp, dem unsere beiden Chow-Mädels entsprachen. Und plötzlich stieß ich auf eine Seite aus Wien, sah ein Foto und war ganz begeistert. "Woher kommt dieser Chow? Wer ist der Züchter?" fragte ich in einer Email. Eine Frau Andrea Eder antwortete mir: "Der Hund auf dem Foto ist kein Chow, sondern ein Eurasier-Mix. Aber warum wollen Sie denn unbedingt wieder einen Chow? Ich kenne einige ehemalige Chow-Besitzer, die mit einem Eurasier sehr glücklich sind. Und wenn Sie Interesse haben: Mein Eurasier-Rüde Arras hat im Salzkammergut eine Hündin gedeckt. Die Welpen werden Mitte Februar erwartet. Wenn Sie möchten, lege ich ein gutes Wort für Sie ein". Damit war der Stein ins Rollen gebracht. Ich habe keinen Chow mehr gefunden, der ein so offenes Gesicht hatte wie Dunja und Shaila. Einen dieser kurzbeinigen plattschnäuzigen Chows mit dem finsteren Blick mochte ich nicht. Sie mögen dem Geschmack der Wertungsrichter bei Ausstellungen entsprechen und deshalb immer extremer gezüchtet werden. Meinem Geschmack entsprechen sie nicht. 

Also fand ich die Idee mit dem Eurasier gar nicht so schlecht. Ich begann, mich mit dieser Rasse zu beschäftigen. Sofort kaufte ich mir das Eurasier-Buch von Annelie Feder und schaute mich auf den Eurasier-Seiten im Internet um.

Im Februar 2003 fuhren wir nach Kematen bei Innsbruck, um eine Eurasierhündin mit Welpen zu besuchen. Am liebsten hätte ich natürlich sofort einen der gerade 5 Wochen alten Welpen reservieren lassen. Da der Wurf mit 11 Exemparen wesentlich größer als erwartet ausgefallen war (Österreich-Rekord!) hätten wir sogar einen der Welpen sofort haben können. Aber ich hatte meiner Frau versprochen, nicht sofort..... Wir wollten erst einmal dorthin reisen, wo wir mit unseren Hunden nicht hin konnten. Zum Beispiel nach Sizilien....

Der für Mitte Februar angekündigte Eurasierwurf wurde im Hause Prof. Dr. Kotrschal im Salzkammergut erwartet. Mitte Februar - das wäre ja nicht sofort.  Abholung des Welpen im April. Meine Inge  war einverstanden! Und dann auch noch eine so erstklassige Züchter-Adresse...schließlich ist Prof. Dr. Kotrschal Tier-Verhaltensforscher und sogar der Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle. Und Gattin Rosemarie lernten wir später als eine rührende "Welpen-Mutter"kennen.

Briska, die Hündin des Hauses Dr. Kotrschal (Zwinger „vom Tal der Raben“) bekam 11 Welpen. Und da stand natürlich sofort fest, dass wir einen davon bekommen würden.

Mir fiel spontan „Luna“ als Name ein. Klingt ähnlich wie „Dunja“.  Ich freue mich auf Luna. Ich bereite mich auf sie vor. Kaufe Bücher über Welpenerziehung, knüpfe Kontakt zur Hundeschule wegen einer Welpenspielgruppe. Und kann es kaum erwarten. Ich merke, wie die Trauer um Dunja durch die Vorfreude auf unsere kleine Luna verdrängt wird.

Mein grosser Wunsch ist  es, eine angstfreie, einigermassen knall- und gewitterresistente Luna zu bekommen. Für eine sorgenfreie und schöne Mensch-Hund-Beziehung.

Als die Welpen 4 1/2 Wochen alt waren, fand unser erster Besuch bei der Züchterfamilie statt. War das aufregend, diese muntere Welpenschar im Wohnzimmer! Die Möbel waren durch einen Maschendrahtzaun geschützt. Und eines dieser kleinen Bärchen würde unsere Luna sein! Die Entscheidung war ziemlich schnell getroffen. Es sollte ein rotes Mädel sein. Und es war nur ein einziges rotes Mädel dabei, das schon eine vollkommen blaue Zunge hatte. Klar, dass sie uns am ehesten an unsere Chows erinnerte. Und so wurde dieses süsse blauzüngige Eurasiermädel unsere Bella Luna. Vorher hieß sie "Schwanzpunkt". Jeder Welpe war natürlich gekennzeichnet, und unsere Luna hatte einen Punkt aus Nagellack auf ihrer kleinen Rute. Deshalb also Schwanzpunkt.

 

Am 08. April holten wir Luna im Salzkammergut bei Familie Dr. Kotrschal ab. Ein großer Tag, dem wir entgegenfieberten. Nun sind wir also  Frauchen und Herrchen eines Eurasier-Welpen.  Und wie die Geschichte weitergeht, soll Luna selbst auf "ihrer" Homepage erzählen.

 

im April 2003

 

Werner

Home